MONTE IATO

Archäologie und Kunst im Dialog
KUNST TRIFFT ANTIKE

https://www.uibk.ac.at/projects/monte-iato/kunst_trifft_antike/
Einladung zur Grabungscampagne September 2019 MONTE IATO / Sizilien
zu einem Dialog von Wissenschaft und Kunst durch Gerhard Forstenpointner
Grabung unter der Leitung von Erich Kistler und Birgit Öhlinger / Institut für Archäologien der Universität Innsbruck

Ereignishorizonte und Konsumlandschaften 2019
- durch Schichten von Zeit der Blick springt

Wie lässt sich mit der Berührung von frisch freigelegten Schichten umgehen – diese „Ereignishorizonte“ umsetzen – wie diese KONFRONTATION VISUALISIEREN? Die Wissenschaft ist bemüht, alle Funde unverfälscht zu sichern und nicht zu kontaminieren. Die Fragestellung aus künstlerischem Standpunkt ist hingegen mit persönlichem Input verbunden – wie ist es also möglich mit den ans Licht gekommenen Formen zu INTERAGIEREN? Die direkte Berührung mit den Originalen findet daher vorerst an bereits freigelegten Schichten und Objekten statt.

1.  Hellenistisches Bodenmosaik

Kohle (Frottage), 100 x 135 cm

Im Interesse steht ein frei gestaltetes Mosaik aus weißen Steinen, welches nichts abbildet, das ohne jegliche narrative Absicht angelegt wurde. (Lage: westlich des spätarchaischen Hauses) Hier liegt eine völlig freie intuitive Linienführung vor, die von Menschenhand ausschließlich aus innerem Impuls angelegt ist - jeder Richtungswechsel erfolgte spontan und ohne Regel, allein mit der Zielsetzung, diese Fläche zu füllen. Durch Frottagetechnik wird diese Linienführung mit schwarzer Wachskreide auf weißen Baumwollstoff übertragen und sichtbar gemacht. Stein für Stein wird abgetastet, um so der Linienführung nachzuspüren und sie abzureiben – jedem Handgriff der Person folgend - die das Mosaik in hellenistischer Zeit gelegt hatte - die richtungsgebenden Impulse werden über die Distanz von etwa 2.400 Jahren von Hand zu Hand nachgespürt.

2. Wiederholtes Abtasten einer behauenen Steinfläche

Wachskreide auf Baumwollgewebe á 135 x 40cm

Die Wahl fällt auf einen sehr ebenmäßig strukturierten Steinquader, der keine dominanten Oberflächenmerkmale zeigt. – Größe und Ausmaß wurden etwa 500 v.Chr. in der vorliegenden Dimension festgelegt, eine Seite des Blockes wähle ich als definierte Grundfläche. (Lage: Agora nahe Zisterne)

Das wiederholte Abtasten und Herausarbeiten der Strukturen führt mit jedem Mal zu einem differenten Ergebnis, da das Ziel nicht eine genaue 1:1 Wiedergabe der Oberfläche ist, sondern eine subjektiver Reaktion auf die vorgefundenen Strukturen. Jede Wiederholung erfolgt unter leicht veränderten Bedingungen – wie beispielsweise der Temperatur des Steins, wodurch die weichere Wachskreise mehr Farbe abgibt - sowie der Handführung in Richtung und Druck. Die Betonung liegt also auf den Varianten und Möglichkeiten von Lesbarkeit einer sichtbar gemachten Oberfläche. In einem systematisierten Prozess wird die Seite des Steinquaders zur Projektionsfläche einer Verschränkung von Erosionspuren über die Zeit und sichtbarer Interaktion mit den gegebenen Strukturen.

 

3. Einzelne Gegenstände

Die ans Licht kommenden Dinge …

Graphit auf jeweils 5 Lagen Transparentpapier á 29 x 42 cm

Diese „Bruchstücke von Bedeutung“ sind als Zeichnung auf Transparentpapier festgehalten – Von einem Gegenstand ausgehend werden weitere Perspektiven und Aspekte davon gezeichnet. Durch das übereinander Legen dieser durchscheinenden Papiere addieren sich die Momente und Gedanken hin zu einer gesamten Zeichnung, verschiedene Gesichts- und Anhaltspunkte fügen sich auf zeitlich unterschiedlichen Ebenen zu einem Ganzen. Das versteht sich als eine Form der Wahrnehmung, wie sie im Verlauf der Grabungen zu beobachten war. Die einzelnen verdichteten Ereignishorizonte sind im Querschnitt gleichzeitig zu sehen und in den Erdschichten lesbar (siehe synoptische Erfahrung und Darstellung).

Während des Aufenthalts bei der Grabungskampagne entstanden vor Ort auf diese Weise konzeptuelle Entwürfe und Mehrschicht-Zeichnungen.

Durch Schichten von Zeit der Blick springt   - doch die Gefäße sind leer

Weiterführende Überlegungen und Ausführungen werden sich speziell auf einige Aspekte beziehen, die während des begleitenden Aufenthaltes auf der Grabung und dem „Tatort“ Monte Iato nachhaltig in den Vordergrund rückten.

Als Grundlage kann folgender Auszug eines Zitates des Monte Iato Teams aus deren Website stehen: "…Denn materielle Kultur formt das Leben der Menschen, vermittelt zwischen ihnen und der Umwelt, habitualisiert Handlungs- und Wahrnehmungsmuster, vergegenständlicht also kognitive Prozesse. Infolgedessen sind Dinge keine passiven, zeitlosen Container spezifischer Kulturen oder vergangener Zeiten, sondern neben ihrer alltagspraktischen Funktion immer auch Werte- und Identitätsträger, die bei einer Veränderung ihres Benutzerumfeldes zumeist auch ihre Bedeutungen wechseln…"

 … Ihr alltäglicher genauso wie ihr außeralltäglicher Konsum führt deshalb zu bedeutsamen Materialisierungsformen menschlichen Zusammenlebens.

- > Konsumlandschaften („consumptionscapes“) …

Was uns vergangene Kulturen mit einem Keramikstück in die Hand geben, ummantelt einen Freiraum für Vorstellungen von lokaler und importierter Lebensweise. Das Lesen auf dem Boden der leeren Gefäßen dient als Metapher für die Formfindung in der Zeichnung.

In der Zusammenführung von übereinanderliegenden Perspektiven auf transparentem Material soll das Ein- und Auftauchen in der pulsierenden Annäherung an zurückliegende Kultur zu möglichen ZEICHEN von BegegnungsFORM werden.

Das Gefäß, das erhalten ist und das, was aus dem Gefäß verschwand, sind dabei als Faktum gleichermaßen präsent.