2005 Aigner

SETZUNGEN : VOR ORT
Silvie Aigner

2005

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Mitte der 90er Jahre begann Gerlinde Thuma direkt den Stein als Objekt skulptural zu bearbeiten, ihn als dreidimensionalen Körper in den Raum zu stellen und dies mit dem Medium der Malerei und Graphik zu ergänzen. So wurde in der Arbeit „Würfelspiel“ mittels der Frottagetechnik die Struktur der Steinoberfläche in die Kohlezeichnung übertragen. In „Moviement“ legt sie einen Spiegel in einen stark gemusterten polierten roten Marmor ein. Die eigentliche Skulptur und ihre räumliche Dimension wird durch eine nahsichtige, bis hin zur Unschärfe gehenden Fotografie ergänzt, in der sich im Spiegel bewusst nur das Geäst von Bäumen des Steinbruchs als scharfes Lineament ausnimmt. Zu sehen ist diese Arbeit als Installation am Wiener Südbahnhof.

Durch ihre Teilnahme an internationalen Symposien arbeitete Gerlinde Thuma in der Folge verstärkt im Bereich des „site specific“, mit Installationen und Objekten, die direkt in der Landschaft entstanden. Ihre sparsamen, genau kalkulierten Eingriffe, die auf die Gegebenheiten vor Ort reagieren, fordern zum Dialog zwischen Mensch und Natur auf. Zudem markiert und verstärkt die Künstlerin damit vorgefundene Landschaftsformen und macht sie gleichzeitig zu einem integralen Bestandteil ihrer Arbeit. Dabei beschäftigen sie ähnliche Themen wie in ihrer Malerei: die Dimension der Entfernung, ein räumliches überschreiten, ein Arbeiten mit der Linie des Horizontes, an der sich die Ebenen brechen, Momente, Augenblicke, aber auch das Nebeneinander zwischen Mensch und Natur, zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit, aus der die Gegenwart entwurzelt zu sein scheint. Wie jene Bäume in dem kanadischen Mont-St.-Hiláire, die ehemals das Landschaftsbild bestimmten, und heute an den Rand der Schnellstraße gedrückt sind. Sie erhalten in der Arbeit „between roads and roots“ (2003) in vielfacher Hinsicht eine metaphorische Bedeutung.

Mit Baumwollfaser arbeitete Gerlinde Thuma erstmals in Südkorea in der Arbeit „sudden moment“ (2002) in der sie ein umgeschichtetes Kreissegment mit Baumwolle in geometrischer Umformung einfasste. Im selben Jahr entstand eine ähnliche Arbeit in Berchtesgaden. Der Graseinschnitt erfolgte dort in der Form eines Bumerangs, der in weißer Baumwolle ausgelegt wurde. ähnlich wie in der Malerei, in der die gestische Pinselstruktur durch die exakten Farbflächen gezähmt wird, bzw. sich den formalen Strukturen der Gesamtkomposition einordnet, so bestimmt auch hier der Gegensatz, der wild vor sich hin wachsenden Natur zu dem exakten Einschnitt die Wirkung der Arbeit. Diese lineare Intervention, die durch den Kontrast der Farben Weiß und Grün zusätzlich verstärkt wird, steht dann jedoch im bewussten Widerspruch zum weichen Material des Baumwollfließes. Das Brechen der Form an einer Achse, bzw. das Spiel mit dem Horizont ist Ausgangspunkt der Arbeit „kust till kust“ in Bergkvara in Schweden (2004). Eine ca. 140 m lange Linie wurde aus der Graslandschaft ausgeschnitten und mit Rindenmulch ausgelegt. Von einer Küste zur anderen wurde so eine verbindende Struktur über die enge Meeresbucht gezogen, die sich am gegenüberliegenden Ufer fortsetzte.

„Passagen“ nennt Gerlinde Thuma ihre jüngste Arbeit für die Kulturwerkstätte am Wachtberg im Waldviertel (2005). Die weiße, scheinbar schwerlose Skulptur steht auf einer lang gestreckten Wiese auf einer Anhöhe, die ein Durchschreiten nahe legt, bis hin zu dem Punkt, von wo aus man ins Umland blicken kann. Neben dieser im Titel manifest gewordenen inhaltlichen Ausrichtung, stellt der Kontrast zwischen der Künstlichkeit des Materials und der Farbe zur umgebenden Natur, den formalen Schwerpunkt der Arbeit dar. Anstelle von Baumwollfließ verwendete Gerlinde Thuma hier Gips und Bast. Die einzelnen aus dem Gefäß hervorquellenden, fließenden Schnüre, scheinen nirgendwo verankert zu sein. Leicht und schwebend könnte sie ein rascher Windstoß mitreißen, doch beharren sie ähnlich widerstandsfähig und in sich ruhend wie die Rose von Jericho in dieser ausgesetzten Lage.

Gemeinsam ist den Landschaftsarbeiten von Gerlinde Thuma die Aufnahme und Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Gegebenheiten sowie der Gedanke, die räumlichen Wahrnehmung der Natur an diesem Ort, durch die Setzung einer künstlerischen Arbeit zu verändern.